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Einige Dinge, die ich während meiner 17 Jahre in der Hare Krishna Bewegung lernte

von Steven J. Gelberg

in Übersetzung von Ursula Zöpel

Ein ehemaliges Mitglied der Hare Krishna Bewegung listet positive und negative Erfahrungen auf aus seinen Jahren als ein Devotee.

Die Liste ist in einer Weise präsentiert, die den Leser zum Reflektieren anregt wie eine persönliche, autobiographische Betrachtung Licht auf die Aspekte der Bewegung werfen kann und auf die Kulterfahrung im allgemeinen, die in wissenschaftlichen und professionellen Analysen weniger personalisiert wurde.

1. An meinem ersten Tag im Ashram lernte ich beim Rezitieren des Hare Krishna Mantras und der aufmerksamen Betrachtung eines Bildes von Krishna, dass ich meine allgemeinen existentiellen Ängste verringern konnte.

2. Ich lernte, dass es falsch sei nach dem Stuhlgang Toilettenpapier zu benutzen. Genau an dem ersten Tag im Ashram lernte ich das. Nachdem ich den Vorgang beendet hatte und sah, dass kein Toilettenpapier vorhanden war, rief ich nach irgendjemandem, wo ich denn Toilettenpapier finden könnte. Eine geisterhafte Stimme antwortete mir, dass die Benutzung von Toilettenpapier die „Schmiermethode“ sei und der Gebrauch von Wasser und Fingern besser funktioniere.

3. Ich lernte, dass ich und meine Gruppe durch Chanten von Sanskritgebeten in der Öffentlichkeit feindselige, lächerlich machende Blicke förmlich auf uns zogen. Du warst gezwungen eine nahezu  undurchdringliche  „mentale Feuerwand“,  aufzubauen, als eine bewusste Trennung zur Außenwelt.

4. Ich lernte, dass es eine gefühlte und unheimliche Kraft in der Wiederholung des Hare Krishna Mantras, oder irgendeinem anderen ähnlichen Konstrukt von Anbetung der Göttlichen Namen gibt (eine Form des Gebetes, die praktisch in jeder religiösen Tradition  zu finden ist). Der Gebrauch solcher spiritueller Techniken zu kultischen Zwecken hinzugezogen, schmälert nicht die Tatsache ihrer transformativen Wirkung.

5. Ich lernte, dass gewisse junge Leute, die in der „realen“ Welt aufgrund ernster psychologischer Probleme scheitern, innerhalb der Struktur des Ashrams lernen können, gut zu funktionieren und sogar geschickt und produktiv in dieser organisierten und schützenden Umgebung werden können.

6. Ich lernte etwas über eine alte spirituelle Tradition aus Indien, als tief umfassend und gewinnend wie nichts in der Welt, aber ich erfuhr darüber durch einen besonderen Filter – den einer unreifen, hochsektiererischen, aggressiven, missionarischen Organisation.

7. Ich lernte in den Jahren, dass es nahezu unmöglich ist, eine religiöse Tradition von einer Kultur in die andere zu  übertragen. Wie ernsthaft man auch versuchen mag, sein kulturelles und erlerntes Ethos zu behalten, diese Tradition wird  unvermeidbar gebrochen durch eine radikal abweichende kulturelle Linse und mit der Zeit  oft unheilvoll verdreht.

8. Ich lernte, dass jede Lebensphilosophie, ob alt, tiefgründig oder intellektuell abgestuft, zum Verstummen und in ein Flickwerk von Binsenwahrheiten, Schlagworten und Formeln verändert werden kann, zum Konsum für Dummköpfe.

9. Ich lernte – durch asketische und meditative Praktiken – die lange vor dem Erscheinen der damaligen Krishna Bewegung in Gebrauch waren – dass der Geist diszipliniert und verfeinert werden kann, so dass die Kräfte der Wahrnehmung und Eingebung gesteigert werden. Wie man diese psycho-spirituellen Fertigkeiten innerhalb eines sozialen  Zusammenhangs  anwenden kann – zum Guten oder anderweitig – steht auf einem anderen Blatt.

10. Ich lernte, als ich meine Eltern zum ersten Mal als Devotee besuchte (kahlgeschoren und in orangefarbenem Gewand), wie zwei eng miteinander verbundene Menschen, die nahe zusammensitzen, sich in äußerst unterschiedlichen Erkenntniswelten befanden, wie meine Mutter da saß und mit Schrecken zusah, wie ich das traditionelle Hindu-arati Ritual zu ihren spirituellen Gunsten ausführte.

11. Ich lernte, dass die menschliche Fähigkeit zur Selbsttäuschung unbegrenzt ist, unendlich kreativ und anpassungsfähig, erstaunlich in ihrer Spitzfindigkeit und Komplexität.

12. Ich lernte, dass andererseits nachdenkliche, sensible, intelligente, sogar charmante Menschen unter den richtigen psycho-sozialen Bedingungen sich für total glücklich halten und zufrieden in einer sozialen Umwelt leben, die im Wesentlichen hierarchisch, autoritär und sexistisch ist.

13. Ich lernte, dass sogar hoch intelligente, liberal denkende Menschen dazu gebracht werden können, Verteidiger für eine konservative, fundamentalistische religiöse Ideologie zu werden. (sogar unter Beibehaltung ihrer Verstandeskraft)

14. Ich lernte, dass wahre Spiritualität sich auf zahlreichen komplexen und unergründlichen Wegen mit den niedrigsten menschlichen Motivationen und Bestrebungen vermischen kann.

15. Ich lernte später, dass die meisten dieser Lektionen auch an zahlreichen Stellen außerhalb der Hare Krishna Bewegung zu bekommen sind, sowie Leute überall und unter allen Umständen radikale Freiheit fürchten und deshalb ihr Leben und ihre  Gemeinschaften in solcher Weise arrangieren, um ein einfaches, sicheres und zu bewältigendes Leben zu haben.

16. Ich lernte, dass es einen grundlegenden menschlichen Wunsch, sogar ein Bedürfnis gibt, sich anderen überlegen zu fühlen und dass die höchste Befriedigung dieses Bedürfnisses die andauernde Bestätigung der höchsten Autoritäten des Universums ist, dass man (zusammen mit seinen Freunden) allen Bewohnern des Planeten Erde überlegen ist. Diese klare Tatsache würde sicherlich von jedem akzeptiert, wenn er sie nur erkennen könnte.

17. Ich lernte, wie die scheinbaren  gegensätzlichen Impulse von Mitleid und Menschenhass gänzlich verworren in dem Akt (oder der Vortäuschung) der Rettung von Seelen verschmelzen.

18. Ich lernte, egal welche guten Qualitäten ein Nicht-Devotee auch zu haben scheint, wie Freundlichkeit, Gutherzigkeit , Gewissenhaftigkeit oder Moral – nur die Tatsache, dass diese Person kein Devotee Krishnas ist, macht ihn zum Sünder, der unter allen Umständen zu meiden ist. (damit man sich nicht „ansteckt“)

19. Ich lernte, dass menschliche Wesen, die keine Mitglieder der Hare Krishna Bewegung sind, grundsätzlich entsprechend der Natur der Realität ahnungslos sind und dass es unsere bedeutsame Verantwortung ist, sie zu erleuchten und zu führen.

20. Ich lernte, dass der Dienst für Krishna automatisch weltliche Moral und Ethik übertrumpft. Eines unserer Bücher oder andere Produkte in die Hände eines Nicht-Devotees zu bekommen, und ihn oder sie von seinem/ihrem Geld zu trennen, so konnte man sagen und tun was man wollte. Ich lernte, dass man trotz solcher Vorkommnisse nicht als Lügner oder Betrüger bezeichnet werden konnte, weil es die Verordnung eines höheren Gesetzes ist, das zum wahren Wohlergehen des Spenders gedacht ist.

21. Ich lernte, dass es illegal ist, „Santa Claus“ auf den Straßen von Hollywood zu verkörpern (während unseres „Weihnachtsmarathons“ [Geldsammlung] wurde ich in voller Santa-Claus-Montur an der Kreuzung Hollywood Blv./Vine Street abgesetzt, um mit einer Sammelbüchse die Gebefreudigkeit der Jahreszeit auszunutzen).

Und dann lernte ich wie es in einem Gefängnis aussieht und was es  bedeutet, wenn einem alle Sachen weggenommen werden, man gezwungen wird sich auszuziehen und besondere, schlecht passende Kleidung zu tragen, spezielle Nahrung zu essen, eine Nummer als Namen zu erhalten und sämtliche Körperöffnungen nach scharfen Gegenständen durchsucht zu bekommen.

22. Ich lernte, dass ich zum Geldsammeln und Verkaufen jeglicher Art nicht gut war, dass ich es hasste mit einer Sammelbüchse einen Fremden um Geld zu bitten oder Magazine zu verkaufen, Räucherstäbchen oder überhaupt etwas, an den Türen zu klingeln wie ein Zeuge Jehova oder ein Mormone, dass ich es hasste, für jedermann ein Ärgernis zu sein. Und ich sah zu, so schnell es ging, aus dieser Art von Arbeit herauszukommen um passendere Aufgaben zu erhalten.

23. Ich lernte, dass Tiere als fühlende Lebewesen mit spiritueller Substanz anzuerkennen sind und sie deshalb nicht unnötig leiden sollen. Für diese Lektion bin ich dankbar, und ich bin immer noch Vegetarier.

24. Ich lernte,  dass es für jemanden auf dem spirituellen Weg das Schlimmste ist, unerlaubten Sex zu haben (das meint, Sex, der nicht ausschließlich der Zeugung gottgewollter Kinder dient).  Ich lernte, dass Sex Gott nicht gefällt und auf fatale Weise jede Hoffnung auf spirituellen Fortschritt untergräbt, egal ob eine Person gut und unauffällig zu sein scheint, wenn sie unerlaubten Sex hat, ist sie sündhaft, vergiftet und zu Ignoranz und Leiden verdammt.

25. Trotz meiner persönlichen Lebenseinstellung Frauen zu schätzen und zu respektieren, lernte ich, dass Frauen in der Tat der Feind des spirituellen Lebens sind, nicht nur weil lediglich ihre Gegenwart Lust heraufbeschwört sondern weil sie selbst von einer niedrigen, mehr sinnlichen Stufe des Lebens sind. Sie sind in der Tat die Verkörperung von Maya, der universellen Kraft der materiellen Illusion und müssen von Kopf bis Fuß bedeckt sein.

26. In schwachen Momenten lernte ich, dass bei den jungen Frauen eine ziemliche Sinnlichkeit vom Gesicht, den Händen und Füßen ausgeht, sowie von den sich verschiebenden Falten ihrer bescheidenen Saris.

27. Ich lernte, dass trotz meines starken Wunsches, der ideale, im Zölibat lebende Mensch zu sein, körperlich und emotional für den weiblichen Charme unempfänglich, mich die Anerkennung und Anziehung zu Frauen niemals ganz verlassen hat.

Ich lernte, dass man sich nur mit anhaltendem Weiberhass selbst konditionieren konnte, um Abstand zu bekommen von meinen tiefsten Instinkten und besserer Einstellung.

28. Ich lernte, wie ein wahrer von Herzen kommender Wunsch nach spiritueller Bedeutung und Erleuchtung andererseits intelligente, kultivierte, selbstachtende Frauen dazu bringt, sich in unterwürfige Wesen umzuformen. Wie sie sich dem Gedanken ihrer eigenen Minderwertigkeit  gegenüber den Männern vollständig ergeben und somit zu ihren natürlichen Dienern werden. (nicht zu vergessen, die Hindernisse in ihrem spirituellen Fortschritt)

29. Ich lernte, dass es für Kinder gut sei, im Alter von fünf Jahren von ihren Eltern getrennt und in speziellen Internatsschulen geschickt zu werden – teils um das Eltern-Kind-Band zu mäßigen, da es nur auf körperlicher Anhaftung und familiärer Sentimentalität beruhe und nicht gesund für spirituell aufwachsende Kinder sei.

Ich vermutete, dass Devotee-Kinder in diesen Schulen glückliche kleine Heilige wären. Ich hatte keine Ahnung, dass Kinder systematisch brutal behandelt und sexuell missbraucht wurden in einigen dieser Schulen.

Dieser schreckliche Missbrauch ist es, mehr als alles andere, der mich peinlich berührt, da ich so lange bei der ISKCON war.

30. Ich lernte wie man gut schreibt. Ein existierendes Talent für Sprache wurde kultiviert und weiterentwickelt durch verschiedene Schreibaufgaben für die ISKCON, unter dem erfahrenen Herausgeber eines Jajadvaita, seiner jüdischen Mutter besser bekannt als Jay Israel. Seine grünen und roten Textmarkierungen kurierten mich (nahezu) vor der Tendenz zum Überschwall und der Verwirrung.

31. Ich lernte die Kunst der öffentlichen Rede. Als ein Vertreter der Krishna Bewegung sprach ich in hunderten von „high schools“ und „College“-Klassen, hielt
Bildungskurse für Erwachsene und machte Präsentationen bei zahlreichen akademischen und interreligiösen Konferenzen. Was immer ich auch heute über den inhaltlichen Wert meiner Präsentationen denke, ich lernte unschätzbare Gewandtheit als Lehrer und Redner und fühle mich vor jeder Gruppe, unabhängig von Größe und Unterscheidung, wie zu Hause.

32. Ich lernte die Kunst der Gelehrsamkeit. In meiner Rolle als tatsächlicher Botschafter ISKCON’s für die akademische Welt wurde ich eingeladen auf verschiedenen Konferenzen zu referieren. Trotz Abbruch meiner „College-Ausbildung nach dem ersten Studienjahr (wegen Beitritt zur ISKCON) entwickelte ich durch reine Praxis die intellektuellen Fähigkeiten eines Studierenden.

Diese Fähigkeiten wurden trotzdem gelernt, weniger weil ich ein Devotee war, sondern weil Bildung sorgfältiges, unbeeinflusstes, kritisches Denken verlangt. Diese
akademische Tätigkeit trug über die Jahre zu meiner Desillusionierung mit der intellektuellen Beschränktheit und Unehrlichkeit der ISKCON bei.

33. Durch die Anforderungen meiner Rolle als akademische Verbindung erhielt ich gezwungenermaßen eine praktische Ausbildung auf den Gebieten vergleichender Religionswissenschaft, Religionssoziologie und Psychologie von Religion, die die Grundlage für spätere akademische Studien außerhalb der Organisation wurden.

34. Indem ich regelmäßigen Zugang zum Privatbereich der Leiter und Gurus der Bewegung hatte, lernte ich, dass eine öffentliche spirituelle Person zum großen Teil eine Erfindung, eine Maske, ein Schauspieler sein kann, unter bewusster Veränderung der Stimmlage, Lautstärke und Körperhaltung -  ähnlich einem  Eroberer, der aus seinem privaten Raum hinaus auf den Balkon tritt um seine ihn bewundernden Anhänger zu sehen.

35. Ich lernte, dass Macht etwas Berauschendes ist und sie verführt und dass absolute Macht unbedingt verdirbt. Es gibt wenige  Schauplätze in der modernen westlichen Welt, wo man absolute Macht aus der Nähe erkennen kann. Eine Kultumgebung liefert ausgezeichnete Laborverhältnisse für solche Phänomene – eine lehrreiche Umgebung weitaus bedeutender als jeder „College“-Kurs über soziale Kontrolle.

Tatsächlich sollte von (ironisch gemeint) jedem Studenten, der einen fortgeschrittenen Grad in Soziologie anstrebt, verlangt werden, wenigstens ein paar Jahre in einem Kult zu verbringen.

36. Ich lernte, dass professionelle Anti-Kult-Berater ziemlich naiv sein können bei ihren Versuchen „richtige“ und „falsche“ Religion zu differenzieren, dass das Argument falsch ist, das versucht, absolute Unterscheidungen zwischen Religion und Kult zu machen. Alle Offenbarungen des Heiligen im menschlichen Leben als beeinträchtigt und von menschlicher Schwäche und vermischten Motiven behaftet zu sehen; alle Institutionen für bestechlich zu halten, ist nur haltbar, wenn vorsätzliche Ignoranz und intellektuelle Unehrlichkeit vorherrscht.

37. Ich lernte aus den Schriften, die von den Krishnas studiert wurden, dass die Welt draußen, wie wir sie durch unsere begrenzten Sinne erfahren, im wesentlichen Sinn  nicht real ist. Ich neige noch dazu dies zu glauben, und fühle, dass es wahr ist, aber mit einigen Einschränkungen und unter unterschiedlichen philosophischen Vorzeichen.

38. Ich lernte, dass die materielle Welt  - oder differenziert gesagt, die menschliche Zivilisation – ein brutaler Ort ist, untauglich für den menschlichen Aufenthalt. Doch das wusste ich schon und weiß es noch. Ich sehe jedoch nicht, dass die Hare Krishna Bewegung ebenfalls kein Zufluchtsort in dieser Welt ist.

 

 

 

 

 

© Ursula Zöpel