zum Inhalt

Der Umweg

Eine fiktive Geschichte von Ursula Zöpel


Vorwort

Keiner tritt einer Sekte bei, jeder verschiebt nur den Entschluss aus ihr auszutreten. (Quelle unbekannt)

Opfer totalitärer Gruppen werden landläufig als schwache Menschen bezeichnet, die ihr Leben nicht im Griff haben und keine Verantwortung für sich selbst übernehmen wollen. Außenstehende beteuern felsenfest:“ Das könnte mir nicht passieren.“ Eltern sind oft der Überzeugung, sie würden ihre Kinder schon richtig erziehen. Junge Leute sehen sich als rationales Wesen, das über seine Angelegenheiten selbst bestimmt. Sie können sich nicht vorstellen, dass jemand Fremdes ihren Geist beherrschen könnte.

Wenn das im Leben so funktionieren würde, wären totalitäre Sekten nicht so erfolgreich. Sie sprechen vor allem die Gefühle eines Menschen an. Zuwendung, Anerkennung und Gemeinschaft sind nur einige Erfolgspunkte, mit denen eine Sekte arbeitet. Sie sind jedoch Bestandteile einer Reihe von Täuschungstechniken, die nur dann zu durchschauen sind, wenn man deren Funktionen kennt.

Die folgende Geschichte ist zusammengestellt aus tatsächlichen Begebenheiten vieler Aussteiger. Das Beispiel soll vor allem jungen Leuten zeigen, wie einfach man in eine Sekte hinein kommt und wie schwer der Weg des Ausstiegs sein kann. Nur wenige Sektenanhänger schaffen den Rückweg ohne Hilfe von außen, vor allem dann nicht, wenn sie ihre Identität größtenteils schon verloren und sich dem neuen System völlig angepasst haben.

Die Frage eines Aussteigers: „Wie konnte mir das nur passieren?“ erhält erst dann eine treffende Antwort wenn derjenige sich intensiv mit der Psychologie von Sekten auseinandersetzt. Wird diese Aufarbeitung versäumt, bleibt er an der „Leine der Sektenideologie“, kommt mit dem Alltagsleben nur schwer zurecht, scheitert bei Beziehungen und Entscheidungen und oft bei der Strukturierung seines täglichen Lebens. Das alles ist nicht nötig wenn man die Ursachen kennt.

 
1. Pläne

An einem trüben Herbsttag machte Eric sich auf den Weg zu seinem Freund Lukas. Zu Hause war mal wieder „dicke Luft“ wegen Erics Ausbildung. Im Frühjahr schien alles so traumhaft und verlockend. Mit dem Abitur in der Tasche fühlte Eric sich frei und euphorisch. Endlich konnte er tun und lassen was er wollte. Freiheit ohne Ende!  Mit Lukas verbrachte er im Sommer den lang ersehnten Bergurlaub in den Schweizer Alpen. Beide waren ein erfahrenes Team am Berg, einer konnte sich auf den anderen verlassen.

Bei der Rückkehr nach Hause kam die große Ernüchterung. Für Eric gab es keinen Studienplatz an seinem Wohnort in Mainz. Lukas dagegen hatte Glück und stellte sich auf seinen Studienbeginn ein. Eric musste wohl oder übel  in die Gegend von Frankfurt ziehen. Am Stadtrand mieteten seine Eltern ein kleines Appartement für ihn. Mit voll gepacktem Auto traf Eric in Frankfurt ein, sein Vater begleitete ihn. Nachdem alle Sachen in der Wohnung verstaut waren, fuhren die Beiden zum Abendessen in ein typisches Frankfurter Lokal. Als Eric am nächsten Morgen wach wurde, musste er erst einmal Lukas anrufen. Seine „Studentenbude“ war eigentlich ganz gemütlich. Er würde schon andere Freunde finden, dann käme Leben in die „Hütte“.

Mittags machte Eric sich auf in die Innenstadt und bummelte durch die Geschäfte bis es Zeit war sich in Richtung Uni zu begeben. Alsbald machte er sich mit dem neuen Leben als Student vertraut und war sehr eifrig. Ein paar Kommilitonen hatte er schon näher kennen gelernt. So manchen Abend saß man in einer Studentenkneipe herum und hatte Spaß. An der Uni lief alles gut. Eines Tages lernte er ein Mädchen beim Essen in der Mensa kennen, das ihm nicht mehr aus dem Kopf ging. Man traf sich oft rein „zufällig“, was nicht schwer war und wohl beiderseits gewünscht war. Das musste er Lukas sagen, sie war einfach toll, sozusagen ein Traumtyp.

Rebecca stammte aus der Gegend und wohnte noch bei ihren Eltern. Der erste Höhepunkt in Erics Studentenleben sollte eines Sonntags der Besuch bei Rebecca werden. Sie wollten beide zusammen kochen und zwar asiatisch. Rebecca hatte eine kleine Einliegerwohnung im elterlichen Haus. Während sie die Essenszutaten sortierte, schaute Eric sich in der Zeit etwas in ihren Bücherregalen um. Da gab es jede Menge Reiseliteratur, Bildbände, Kochbücher, Ratgeber für gesunde Lebensführung fehlten auch nicht. „Machst du Yoga?“ rief Eric ihr in die Küche zu. „Im Moment noch nicht, ich habe noch nichts Passendes für mich gefunden“, antwortete Rebecca und forderte Eric auf, schon mal mit der Zubereitung des Salates anzufangen. Sie hatte inzwischen den Reis gekocht und das Hühnerfleisch angebraten. Jetzt musste es schnell gehen, das Gemüse sollte noch knackig auf den Tisch kommen. Das Essen schmeckte herrlich, vor allem aß es sich zu Zweit viel besser als alleine. Der Nachtisch war alles andere als asiatisch, nämlich grüner Wackelpudding mit Vanillesauce, einfach ein Gedicht, nichts davon blieb übrig! Was würde Eric Lukas alles berichten! Rebecca war einfach Klasse und irgendwann müsste Lukas sie kennen lernen.

Nach dem Essen holte Eric sich das Buch über Yoga aus dem Regal und wollte es sich ausleihen. Rebecca meinte, dieses Buch habe sie noch gar nicht angesehen, ihre Oma habe es mal aus der Stadt mitgebracht. Irgendein junger Mann habe es ihr verkauft, und nun steht es halt da im Regal. „Vielleicht machen wir zusammen einen Yoga-Kurs?“ meinte Eric. „Aber erst werden wir mal das Geschirr abspülen und danach muss mein Hund noch mal ausgeführt werden“, rief Rebecca aus der Küche. Als das alles erledigt war, wurde es für Eric Zeit zum Aufbruch.

In den nächsten Wochen gab es viel zu lernen, die Arbeit ging richtig los. Rebecca traf er fast täglich. Eines Abends erinnerte er sich wieder an das ausgeliehene Yoga-Buch. Beim flüchtigen Lesen schien es so, als wenn es in der Nähe ein Yoga-Zentrum gäbe. Dem Buch nach müsse es sich um eine indische Sache handeln. Das ganze Buch zu lesen, dauerte Eric viel zu lange. Gleich rief er Rebecca an und fragte sie, ob sie nicht zusammen mal in dieses Yoga-Zentrum fahren sollen. Man müsse sich ja nicht festlegen, sondern erst einmal schauen.


2. Der erste Kontakt

An einem Sonntagnachmittag trafen sie sich beide vor dem Eingang des so genannten Yoga-Zentrums. Etwas irritiert betraten sie das Haus. Eine freundliche junge Frau in indischer Kleidung empfing die beiden an der Tür und zeigte ihnen einen großen Raum, in dem schon einige junge Leute im Schneidersitz auf dem Fußboden saßen. Hier sollte ein Sonntagsfest mit indischem Festmahl stattfinden. Eric und Rebecca setzten sich erwartungsvoll dazu und ließen ihre Augen zunächst einmal in dem ungewöhnlich aussehenden Raum schweifen. An der Wand hingen Bilder von alten Männern, so etwas wie ein Altar war mit Blumen geschmückt. Auf dem Altar standen Figuren, deren Bedeutung sie nicht kannten. Die männlichen Bewohner dieses Zentrums trugen offensichtlich Yoga-Kleidung, jedenfalls sahen diese orangefarbenen Wickeltücher so aus. Es war sehr warm in dem Raum und der Duft zahlreicher Räucherstäbchen war schon sehr heftig. Eric und Rebecca fühlten sich zunächst einmal wohl in der behaglichen Atmosphäre.

Jetzt begann das Programm. Ein Guru wurde angekündigt, dessen Besuch eine große Bedeutung für die Gemeinschaft hatte. Er nahm in einem mit Blumen geschmückten Sessel Platz und wurde mit einer dicken Blumengirlande bekränzt. Ein Harmoniumspieler begann mit dem Singen eines Mantras, das sich ständig wiederholte. Alle Besucher wurden zum Mitsingen aufgefordert und bekamen einen Zettel mit dem Wortlaut. Rebecca kam das alles ziemlich komisch und fremd vor, doch machte sie mit um nicht aufzufallen.

Endlich war der Singsang vorbei und der Guru begann mit einem Vortrag in englischer Sprache. Der deutschen Übersetzung war zu entnehmen, dass es darum ging, unbedingt kein Fleisch mehr zu essen, auch keinen Fisch und keine Eier. Eric staunte nicht schlecht und dachte sich sein Teil und Rebecca erinnerte sich an das leckere Essen vom letzten Sonntag. Später wurde vegetarisches Essen angeboten, das sehr appetitlich aussah. Rebecca fand allerdings die ganze Situation mehr als merkwürdig und flüsterte Eric zu, dass hier doch irgendetwas nicht stimmen könnte. Eric war gerade dabei, sich zum zweiten Mal den Teller zu füllen, ihm schmeckte der Gemüsereis richtig gut. „Lass uns gehen, Eric, ich glaube wir sind hier nicht richtig.“

Eric zögerte etwas und wollte noch etwas Süßes naschen. Von dem leckeren indischen Brot nahm er sich noch für zu Hause etwas mit. Weil Rebecca drängte, machten sich beide auf den Heimweg. Der Wechsel von dem hellen gemütlichen Raum hinaus in den nebligen Novemberabend war nicht gerade angenehm. Aber Rebecca machte sich jetzt Luft. „Eric, das eine sage ich dir, hier bekommst du mich nicht mehr hin, denn ich habe bei diesen Leuten ein  ungutes Gefühl. Ich konnte da drinnen nichts sagen, ich fühlte mich die ganze Zeit beobachtet. Hat dies etwas mit Yoga zu tun?“ In seiner Bewunderung für diese Gruppe konnte Eric Ihre Bedenken nicht nachvollziehen. Auf jeden Fall wollte Eric herausfinden, wie das mit dem Yoga zu verstehen sei. Rebecca trat den Rückzug an und ließ sich die ganze kommende Woche nicht mehr blicken.

 

3. Die Anwerbung

Den nächsten Besuch machte Eric an einem Werktag in dem Yoga-Zentrum. Einer der Bewohner erkannte ihn wieder und begrüßte ihn wie einen alten Freund und brachte auch gleich einen Teller mit Snacks. „Ich bin hier der Koch und  heiße Aya Das. Ich habe noch was zu tun, aber ich nehme mir gleich Zeit für dich und kann dann deine Fragen beantworten“. Aya verschwand und kam nach einiger Zeit  mit einer Reihe von Büchern zurück. „Ich kann dir jetzt etwas über unser Yoga erzählen. Es nennt sich Bhakti-Yoga und ist nicht mit irgendwelchen Gymnastikübungen zu vergleichen. Wir wollen damit unsere Beziehung zu Gott wieder herstellen. Dazu chanten wir den Maha-Mantra, wie du ja schon gehört hast. Das ist ganz einfach.“  Ohne seine Umwelt wirklich wahrzunehmen hatte Eric den halben Tag damit verbracht, Aya’s Erzählungen zu lauschen. Erst als sich plötzlich die anderen Bewohner einfanden, wurde ihm bewusst, dass es inzwischen dunkel geworden war. Es kamen noch einige Gäste zur abendlichen Zeremonie dazu, und es sollte anschließend ein Film über Indien gezeigt werden. Es war sehr spät, als er das Zentrum verließ. Müde aber glücklich und irgendwie euphorisch machte er sich auf den Heimweg. Ganz unbewusst fing er leise an,  das Mantra zu singen. Aya hatte ihm gesagt, dies zu tun, wann immer er dazu Zeit fände und es würde seine Stimmung positiv verändern.

Eric war keinesfalls immer glücklich. Gerade hatte ihn seine Freundin verlassen, er fühlte sich wieder einsam und nicht gerade zur Arbeit motiviert. Aber der Besuch hatte seine Einstellung nachhaltig verändert. Die Ausführungen Aya’s und das Chanten des Mantras hatten in ihm den Wunsch keimen lassen, ebenso glücklich und scheinbar losgelöst von allen Sorgen zu werden. Die Realität holte ihn jedoch wieder ein.

Woche für Woche wiederholte sich das gleiche Ritual. Samstag und Sonntag war sein Dasein bestimmt von Glücksmomenten, Gemeinschaft, Geborgenheit, Licht und einem Zauber für Augen, Ohren und der Zunge.  Montags war alles wieder grauer Alltag, mit den immer gleichen Problemen. Während der Woche aß er nur wenig, weil er nicht gut vegetarisch kochen konnte, und dadurch reduzierte sich auch die Aufmerksamkeit in den Vorlesungen. Er war häufig müde und es passierte ihm, dass er wie von selbst zu chanten anfing, um seine innere Unruhe zu kompensieren. Eric zog sich fast unmerklich von seinen üblichen Außenkontakten zurück und vergrub sich in den Lesestoff, den er sich beim zweiten Besuch gekauft hatte.

Die Geweihten im Tempel waren richtig froh, ihn Woche für Woche zu sehen und sorgten sich um seine Ausbildung in spiritueller Hinsicht. Eric erhielt kleinere „Dienste“, und diese gaben ihm das Gefühl wichtig zu sein. Überzeugend vermittelten sie ihm die Wichtigkeit seines neuen Weges. Die bisherige  materielle Ausrichtung (Studium etc.) wurde als unnütze Belastung abgetan. . Eric lebte in zwei Welten.

Wieder nahte der Samstag, und er hatte sich vorgenommen, Aya zu bitten, ihm das ABC des vegetarischen Kochens zu zeigen. Was Eric für eine „göttliche Fügung“ ansah, war die Tatsache, dass Aya an diesem Tag gerade einen Kochkurs abhielt. Mit drei weiteren Gästen lernte er in einer sehr fröhlichen, aber disziplinierten Stimmung diverse Küchenregeln  und Zubereitungen. Mit großem Eifer wurden die Speisen anschließend in einer kleinen Zeremonie geopfert.

Eric begann mit der Umstellung seiner Essensgewohnheiten den ersten Schritt in ein anderes Leben. Eines der „vier regulierenden Prinzipien“ regelt generell die verbotene Nahrung: kein Fleisch, Fisch und Eier. Alkohol, Zigaretten und andere Berauschungen hatten bei Eric nie einen hohen Stellenwert und waren damit leicht zu überwinden. Anders sah es beim Verbot von Tee und Kaffee aus. Er liebte seinen morgendlichen Espresso aus der neuen, teuren Maschine.  Ihm machte es keine großen Schwierigkeiten die neuen Regeln ins tägliche Leben zu integrieren. Das frühe Aufstehen und das regelmäßige Chanten übte Eric, um den erklärten Idealen nahe zu kommen.

4. Lukas

Eines Tages erhielt Eric von Lukas eine E-Mail mit dem Text: „Wo steckst du eigentlich, ich kann dich am Wochenende gar nicht mehr telefonisch erreichen, melde dich doch mal!“ Es war ihm peinlich, dass er seinen Freund lange nicht gesprochen hatte. Was sollte er jetzt tun?  Lukas würde als sein bester Freund schon verstehen, dass er Zeit brauchte um selbst über seine Ziele und Gefühle nachzudenken. Am besten wäre es, Lukas nach Frankfurt einzuladen und ihm zu zeigen, wo er seine freie Zeit jetzt verbringt.

Im Telefonat mit Lukas schwärmte Eric von seinen Erlebnissen im Bhakti-Yoga-Zentrum: „Die Leute hier sind gut drauf, gar nicht materialistisch, sondern spirituell, und sie haben ein Mantra, das sie singen und rezitieren. Ich kann inzwischen schon etwas Vegetarisches kochen und durfte auch schon einige Dienste für Gott Krishna machen.“

Erics Schwärmerei kam ihm merkwürdig vor.“ Wo um Himmels Willen war er hinein geraten? So abgehoben hat der noch nie geredet“, dachte sich Lukas. Er versprach seinem Freund bald zu kommen. Bis zu seinem Besuch recherchierte Lukas im Internet und an seiner Universität. Er staunte nicht schlecht über die Information, die er bekam. Demnach könnte sein Freund in eine Organisation geraten sein, die in Fachkreisen destruktiver Kult genannt oder umgangssprachlich als Sekte bezeichnet wird. Auf jeden Fall wollte er Genaues vor Ort erfahren.

Zwei Wochen später hatte er die Gelegenheit bekommen das Auto seiner Eltern für die Fahrt nach Frankfurt nehmen können. Das Wiedersehen der Beiden war anders als sonst.  Lukas fiel direkt auf, dass Eric sich irgendwie verändert hatte. Er wirkte so euphorisch, predigte förmlich von Dingen, über die sie sich noch nie unterhalten hatten, es schien, als habe Eric die Bodenhaftung verloren. Er erwiderte nur hölzern die freundschaftliche Umarmung.  In seinem Zimmer lagen jede Menge Bücher aus diesem Yoga-Zentrum herum, daneben ein Stoffbeutel mit einer Perlenkette. Eric hatte Kekse gebacken und Kaffee gemacht. Er  redete pausenlos über Vegetarismus, Klosterleben, Wiedergeburt und lauter fremdartige Rituale.              


Lukas´ Vermutung schien sich zu bestätigen. Ruhig stellte er Fragen. Eric antwortete immer ausweichend, gespickt mit Allgemeinphrasen. „Was ist mit deinem Studium? Deine Eltern werden alles andere als begeistert sein, wenn du dir deine Zukunft verbaust!“ Eric verteidigte sich sofort und meinte: „Was du auch denkst, natürlich werde ich wieder intensiver studieren, im übrigen bin ich volljährig und kann meine Entscheidungen selber treffen. Wichtig ist jetzt aber, dass ich mich aus dem Kreislauf der Wiedergeburten befreien lerne. Was nützt mir alles Studieren wenn ich auf diese jammervolle Welt zurückkommen muss.“ Jetzt ist er total durchgeknallt“, dachte sich Lukas.

 

5. Sonntagsfest

Am nächsten Tag gingen beide zum „Sonntagsfest“ des so genannten Yoga-Zentrums. Man zog seine Schuhe aus und nahm auf dem Fußboden Platz. Lukas hatte Mühe, seine langen Beine zum Lotussitz zu ordnen. Eric erklärte ihm die Bedeutung der Bilder an der Wand, es waren lauter Gurus aus früheren Zeiten dieser Bewegung. Lukas war aufgefallen, dass sich einer der Bewohner für seine Gespräche mit Eric interessierte. Doch schon betrat der angekündigte Guru den Raum. An dem nun folgenden Singsang zeigte Lukas kein Interesse. Der Gesang steigerte sich zusehends, einige Leute flippten regelrecht aus und sprangen in Ekstase mit hocherhobenen Armen. Nachdem das Gehüpfe der Leute wieder aufgehört hatte und Ruhe eingekehrt war, begann der Guru mit seiner Predigt.

Der Guru sprach in seinen Ausführungen über das Unglück der Menschheit. Ursache sei nur ihre materielle Einstellung und das falsche Verständnis von Gott und sich selbst. Fazit seiner Ansprache war: Nur ein verwirklichter Meister (also er) hat die richtige Sicht auf Gott und kann den verblendeten Schüler vom Materialismus befreien und ihn auf den rechten Weg zu Gott bringen. Das aber nur bei absolutem Gehorsam des Schülers. Lukas lief das kalte Entsetzen über den Rücken. Er fand all das bestätigt, was er zuvor gelesen hatte. Er wollte gerade zu den Aussagen Stellung nehmen, da  kam ihm eine ältere Frau zuvor.

„Wie sorgen sie eigentlich für ihre Mitglieder, mein Sohn ist weder kranken- noch rentenversichert, dabei arbeitet er bei ihnen als Buchverkäufer und das schon fünf Jahre ohne Lohn und Urlaub?“ Die Erstarrung im Raum war förmlich greifbar. Die Stille wurde durch ein fast irres Lachen  des Gurus gebrochen: “ Sie haben in all den Jahren immer noch nicht verstanden was Krishnabewußtsein bedeutet. Wir arbeiten nicht, denn wir leben nicht auf der materiellen Ebene, sondern unser gesamtes Handeln ist Dienst am Höchsten. Vielleicht ist es besser, Sie verlassen jetzt diesen Tempel und stören uns und die Gäste nicht mehr.“ Mit Tränen in den Augen verließ die Frau den Raum. Ihr Mann sagte im Hinausgehen: „Ich habe dir doch schon immer gesagt, das sind Fanatiker, von denen bekommst du keine Antwort.“

Lukas fühlte sich in seiner Ansicht über diese Gruppe wieder einmal bestätigt: So also werden die Leute mundtot gemacht. Kritik ist nicht erwünscht, dabei war die Frage doch berechtigt, dachte er. Für Lukas gab es keine Zweifel, mit Eric musste jemand reden, der mehr Hintergründe über diese Organisation hat. Sein Freund jedoch strahlte vor Begeisterung und war über Argumente nicht mehr erreichbar.

Inzwischen wurde den Gästen das „Festmahl“ auf Papptellern serviert. Der anfängliche Hunger hatte sich bei Lukas inzwischen durch den Zwischenfall gelegt. Nur lustlos stocherte er im Gemüse herum. Als er von seinem Teller aufblickte, schaute er in ein neues Gesicht. Lächelnd, von einem Ohr zum anderen, fragte ein junges Mädchen im Sari: „Na, wie schmeckt euch unser Prasadam? Habt ihr Fragen? Darf ich mich zu euch setzen?“ Sie wartete die Antwort auf ihre letzte Frage gar nicht erst ab und plumpste mit ihrem breiten Hinterteil auf den Holzboden. Sie hatte es geschafft, ein Gespräch unter den beiden Freunden zu verhindern. Lukas hatte keine Lust, sich auch noch einem Bekehrungsgespräch auszusetzen und entgegnete:“ Das Essen ist lecker aber Fragen habe ich zu diesem Zeitpunkt noch nicht. Ich muss erst einmal das Buch lesen, das ich von meinem Freund erhalten habe. Außerdem müssen wir uns gleich wieder auf den Heimweg machen.“

 

6. Neue Erkenntnisse

Enttäuscht fuhr Lukas am Abend wieder nach Hause, er fühlte sich hilflos.
Erics Eltern mussten jetzt in Kenntnis gesetzt werden. Am Telefon meldete er seinen Besuch an. Er fuhr auf direktem Weg zu den Eltern, seine Eindrücke waren noch ganz frisch. Die Schilderung des Besuchs im  „Tempel“ und das Verhalten ihres Sohnes konnten die Eltern anfänglich kaum glauben. Nach und nach jedoch erkannten sie, dass gehandelt werden musste. Alle drei kamen überein die Informationen zu lesen, sich selbst noch weiter zu informieren und ihr weiteres Vorgehen gemeinsam abzusprechen.

 Ein paar Tage später rief Eric an und teilte den Eltern mit, er habe eine tolle Gruppe gefunden, er sei Vegetarier, lese religiöse Schriften, die ihm endlich Antworten auf seine dringendsten Fragen geben, und lebe jetzt glücklich. Wenn er zu Weihnachten nach Hause käme, könnte er ihnen alles genauer berichten. Sie sollten ihm keine Steine in den Weg legen. „Was ist denn mit deinem Studium?“ konnte der Vater gerade noch ins Telefon rufen, doch da hatte Eric schon aufgelegt.

 Lukas besuchte  die leidgeprüften Eltern mit neuen Fakten und hatte Adressen von Beratungsstellen im Internet gefunden. Erics Vater zweifelte sehr lange die Notwendigkeit an, sein Familienproblem mit anderen Personen zu  erörtern. Aufbrausend entschied er: „Das ist unsere Familienangelegenheit, wir regeln die Sache selber. Ich fahre nach Frankfurt und wasche Eric gehörig den Kopf. Es sieht ja so aus, als will er seine ganze Lebensplanung auf den Müll werfen. „Meinst du nicht, dass Eric für sich herausfindet, dass dieser Weg nicht gut für ihn ist, er ist doch intelligent“, erwiderte seine Frau.

 

7. Das Treffen und die Folgen

Die Begegnung zwischen Vater und Sohn wurde zu einer Zerreißprobe. Eric inmitten hüpfender und ekstatisch singender Jugendlicher zu erleben machte seinem Vater Angst. Sollte das hier die Zukunft seines Jungen werden? Es kam noch schlimmer. Eric war kaum noch ansprechbar, zeigt große Gefühlskälte und begann immer ein Mantra zu murmeln, wenn der Vater Fragen stellte. Dauernd unter Beobachtung, war es überhaupt schwierig, ungestört mit Eric zu sein. Irgendjemand von der Leitung mischte sich ständig in den Versuch eines  Gespräches ein mit Antworten auf Fragen, die niemand gestellt hatte. Beim Abschied meinte diese Person: „Es wäre nett, wenn Sie bald wieder in unseren Tempel kämen, Sie brauchen sicher noch etwas Zeit Ihren Sohn zu verstehen.“ Leise erwiderte der Vater zu sich selbst: „Ich werde wiederkommen, aber dann mit einem Knüppel!“ Er drehte sich um und eilte hinaus.

Eine Woche später befasste sich Verwandtschaft und Bekanntenkreis mit dem Problem. Jeder hatte einen anderen Rat aber nicht wirklich eine Lösung. Einzig allein Lukas fand einen konstruktiven Weg.

Er besorgte sich ein Buch von einem erfahrenen Sektenaussteiger, das Hilfe für Familien anbot. Die Sorge um Erics Zukunft blieb zwar, doch mit der Information über bestimmte psychische Beeinflussung in Sekten konnten sie Erics Verhalten langsam verstehen. Diese Gruppe hatte ihn völlig aus der Bahn geworfen, er hatte feste Ziele, aber nicht solche, einem destruktiven Kult beizutreten. Jetzt musste dringend etwas geschehen. Zögernd überlegten die Eltern, ob sie eine der im Buch genannten Beratungsstellen aufsuchen sollten. Selbst kamen sie nicht mehr weiter. Also machten sie telefonisch einen Termin aus.

 

8. Beratung

Der Besuch in der Initiative war mit Mühen verbunden. Einige Autostunden Fahrt in ein anderes Bundesland und noch immer die Zweifel ob ihr Handeln zum Erfolg führen könnte. Die Leiterin der Einrichtung erläuterte die Grundgedanken ihrer Tätigkeit und wie sie den Eltern in ihrer Sorge unterstützend beistehen könne. Die Erkenntnis, dass sie nicht allein betroffen und sie an dieser Situation nicht schuld waren, erleichterte beide sehr und sie schöpften neue Hoffnung. So erfuhren sie über den geglückten Ausstieg einer jungen Frau namens Andrea. Genau wie Eric hatte sie nie den Vorsatz gefasst, ein Mitglied der Hare-Krishna-Sekte zu werden. Sie interessierte sich lediglich für vegetarisches Essen. Daraus wurde ein zweijähriger Aufenthalt bei einer Hare-Krishna-Gruppe im Ausland. Andrea fand durch eine längere Beratung den Ausstieg und zeigte sich bereit mit Eric über ihre Erfahrungen sprechen zu wollen.

Mit einigen Unterlagen, die ihnen helfen sollten, Erics Gruppe und ihre Psycho-Praktiken der Rekrutierung kennen zu lernen, traten sie mit neuer Hoffnung den langen Rückweg an.


9. Die Begegnung mit Aussteigern

Nachdem eine Zeit ins Land gegangen war und alle Informationen ausgetauscht wurden, stand man vor der schwierigen Aufgabe, Eric und diese Andrea zusammen zu bringen. Zweck der Übung war es, ihn endlich mit Tatsachen zu konfrontieren und ihn von „Wolke sieben“ herunterzuholen.

Lukas nahm sich der ganze Sache an und wollte Eric und Andrea zu sich nach Hause einladen. Doch so einfach war das nicht. Was wäre, wenn Eric sich weigern würde? Damit war zu rechnen. Lukas hoffte auf den Missionseifer seines Freundes. Durch ein Telefonat der beiden wurde ein Besuch vereinbart. Eric war neugierig auf die Bekannte namens Andrea, die sich mit ihm über das Krishnabewußtsein unterhalten wollte.

Gleich zu Beginn des Treffens erfuhr Eric, dass Andrea viel mehr über seine Gruppe wusste, als er angenommen hatte. Nicht er konnte ihr etwas beibringen, sondern sie öffnete ihm Quellen, mit denen er nicht gerechnet hatte. Sie zeigte ihm was hinter der schönen und heilen Fassade seiner Organisation alles steckte. Sie stellte die Widersprüche zwischen den Ansprüchen der Schriften und dem Handeln der Führung heraus. Sie zeigte den wirtschaftlichen Aspekt und kriminelle Machenschaften innerhalb der Organisation auf.

Sie erzählte von den zwei Jahren ihrer Anhängerschaft und dem Grund ihres Ausstiegs. „Meine Eltern haben mir durch ein persönliches Gespräch mit einem Ehemaligen die Möglichkeit zu einer wirklich freien Entscheidung verschafft. Dein Freund Lukas und deine Eltern haben dir auch diese Chance ermöglicht. Ich bitte dich darüber nachzudenken, die Unterlagen und Berichte zu lesen und erst dann eine neue Entscheidung zu treffen. Wenn du die Menschen hinter diesen Erfahrungsberichten kennen lernen möchtest, dann kannst du dich wieder bei mir melden. Wir treffen uns regelmäßig. Unser nächstes Beisammensein findet in einem Monat bei mir statt.“

Eric war überwältigt. Vieles von dem was er hörte, konnte er nicht recht glauben, aber in ihren Erzählungen kamen auch Dinge vor, die er selbst schon bemerkt hatte, wie die ständige Bevormundung und subtile Kontrolle, die er fühlte. Eric wollte darüber nachdenken, und er wusste, dass er diese junge Frau wieder sehen musste. Seine Neugier auf die anderen Aussteiger  war ebenfalls geweckt. Und doch hatte er ein Empfinden, seine neuen spirituellen Freunde zu verraten. Gleichwohl mochte er nicht sofort mit seinen Fragen zu ihnen, denn er glaubte zu wissen, welche Antworten er bekommen würde.

„Lukas, kann ich eine Weile bei dir wohnen? Ich muss das überdenken, und hier habe ich die meiste Ruhe.“ „Geht in Ordnung“ sagte Lukas knapp.

 

10.Neuanfang

Eric quartierte sich im Gästezimmer ein, wo er ungestört lesen konnte. Andrea hatte ihm Material zusammengestellt, das viele Lebensbereiche der Gruppe beschrieb und regelte. Alle diese strikten Regeln machten ihn wütend.

So hatte Eric sich sein Leben nicht vorgestellt. Er war durchaus bereit Regeln für das „Höhere Ziel“ zu befolgen. Doch hier ging es um etwas anderes. Es ging um Macht über Menschen. Macht und Gehorsam, diese beiden Schlagworte zeigten ihm etwas Wesentliches. Kritik an den so genannten Autoritäten der Gruppe galt als schwere Sünde und war unbedingt zu vermeiden. Was aber, wenn die Berichte über solche Personen stimmten,  die ihren Status missbrauchten? Wie weit sollte sein Gehorsam reichen?  Eric konnte kaum glauben, was er da lesen musste aus den Schriften seiner Gruppe. Ein Text aus dem Srimad Bhagavatam fiel ihm besonders negativ auf:

„Es ist die Pflicht der Schüler, sich um die Mission des spirituellen Meisters zu kümmern und sie in rechter Weise auszuführen. Sonst sollte der Schüler beschließen, zusammen mit dem spirituellen Meister zu sterben. Mit anderen Worten, um den Willen des spirituellen Meisters auszuführen, sollte der Schüler bereit sein, sein Leben zu geben, und er sollte alle persönlichen Überlegungen zurückstellen.“ (SB. 4. Canto Vers 50)

Diese Aussage widersprach so sehr seinen Idealen von Freiheit und Selbstbestimmung und gab seinen schon vorhandenen Zweifeln weiteren Nährboden. Auch die Aussagen über Frauen, Ehe  und Sexualität waren nicht mit seiner Einstellung vereinbar.

Eric hatte genug gelesen und brauchte Zeit diese Erkenntnisse zu verarbeiten. Seine Gefühle fuhren Achterbahn. Wut und Enttäuschung wechselten. Man hatte ihm vieles verschwiegen und seine Fragen nicht wirklich beantwortet. Er musste mit anderen Menschen darüber reden.

Schneller als gedacht war der Zeitpunkt gekommen, Andrea und ihre Freunde zu treffen. Er durfte in sein vertrautes Zimmer im Elternhaus zurück.

 

11. Das zweite Treffen

Der erste Besuch bei dem Gruppentreffen war für Eric eine ziemlich verrückte Erfahrung. Nicht nur „Ex“ seiner eigenen Gruppe waren gekommen, sondern auch Leute aus Gemeinschaften, die ihm als „Sekten“ von seinen Autoritäten benannt wurden. Er musste erfahren, dass diese Organisationen mit seiner Hare Krishna Gemeinschaft gegen die gemeinsamen Kritiker zusammengearbeitet hatten. Der Gedankenaustausch wurde immer intensiver. Die eigentliche Frage – warum ist mir nichts aufgefallen und habe ich alles so kritiklos akzeptiert – blieb noch unbeantwortet.

Nach mehrstündigen Gesprächen brauchten alle eine Pause. Eric erhielt für das nächste Treffen eine Aufgabe: Er sollte so genau wie möglich über seine Zeit in der Gruppe und den Gefühlen aus dieser Zeit niederschreiben. Einer der Teilnehmer versprach: „Wenn wir wieder zusammensitzen, werde ich dir deine Frage nach dem WARUM? beantworten.“

 

12. Antworten

Eric nutzte die Zeit bis zu dem nächsten Treffen und schrieb ausführlich über seine Zeit in der Gemeinschaft und über seine Gefühle. Es wurde so etwas wie ein Gedächtnisprotokoll. Immer noch rätselte er über den Umstand, an welchem Punkt er die Kontrolle über seine Entscheidungen verloren hatte. Dass er sie verloren hatte war ihm inzwischen klar geworden.

Wieder einmal saß Eric beim Ehemaligentreffen. Aus der Gruppe meldete sich Jürgen, der lange Jahre in der ISKCON verbracht hatte, und sprach Eric direkt an: “Eric, ich glaube wir beide gehen mal in das andere Zimmer und sprechen zusammen über deine Fragen. Ich denke, es  ist einfacher für dich.“ Sichtlich erleichtert, nicht in der ganzen Gruppe reden zu müssen, folgte er mit seinen Aufzeichnungen.

„Ich heiße Jürgen und habe die gleichen Erfahrungen wie du gemacht, das werde ich dir beweisen!“ „Erzähl mal von Anfang an und nimm dir deine Aufzeichnung zur Hilfe.“

Eric erzählte von seiner Suche nach Joga, um den Lernstress zu bewältigen, von dem Buch, von Rebecca und den Besuchen im Zentrum der Krishnas. Sie sprachen über die Gefühle und die Unsicherheiten, die in dieser Zeit für beide ähnlich waren. Sie diskutierten die verschiedensten Kontrollmechanismen (Lifton) und deren Auswirkungen auf die eigene Entscheidungsfindung. Eric hatte davon noch nie etwas gehört. Die Erkenntnis, dass seine Informationen, sein Verhalten, seine Gedanken und Gefühle manipuliert wurden, ließ ihn innerlich aufschreien. Allein die Tatsache, dass schon eine kontrollierte und manipulierte Umgebung all seine Zweifel und Widerstände unterdrückt haben, zeigte ihm überdeutlich wie verwundbar die menschliche Autonomie sein konnte. Warum wurde man nicht schon in der Schule auf diese Gefahren aufmerksam gemacht? Für Eric war die Geschichte noch lange nicht zu Ende. Er wollte viel mehr über diese psychologischen Techniken wissen, um in der Zukunft besser dagegen gerüstet zu sein.


© Ursula Zöpel